Integrale Sicherheit: von der Pflicht zur Kür

Zwei Unternehmen, zwei Brände, zwei völlig unterschiedliche Folgen: Für das eine bleib es bei einem verkraftbaren Verlust, für das andere bedeutete der Schaden Aus. Beide hatten die Sicherheitsvorschriften eingehalten.

Gianluca De Sanctis, Leiter Sicherheitsberatung bei Basler & Hofmann, zeigt in seinem Kommentar, welche entscheidende Frage eine rein vorschriftenorientierte Sicherheitsbeurteilung offenlässt und warum klassische Sicherheitsbeurteilung durch einen integralen Ansatz ergänzen werden sollte.

Gesetzlichen Vorgaben und der Vollzug in Sicherheitsthemen führen in der Schweiz zu einem hohen Sicherheitsniveau. Es bleibt aber nur erhalten, wenn Risiken regelmässig überprüft, Zuständigkeiten geklärt und Kontrollen zuverlässig vollzogen und dokumentiert werden.

 

Auch wenn gesetzliche Vorgaben und Normen eingehalten werden, bleibt die Frage: Ist ein vorschriftskonformes Gebäude automatisch ausreichend sicher? 

 

Die Vorschriften berücksichtigen nur begrenzt, welche konkreten Folgen ein Ereignis für ein Unternehmen haben kann. Ein Schaden, den ein Grossunternehmen leicht verkraftet, kann für ein KMU existenzbedrohend sein.

 

Zwei Fälle aus der jüngeren Vergangenheit illustrieren das. Während das Grossunternehmen infolge eines Brandes den Verlust einer Lagerhalle zu beklagen hatte (und sämtliche Waren im Lager abschreiben musste), blieben seine Geschäftstätigkeiten weitgehend unbeeinflusst. Im Gegensatz dazu verlor das KMU nach einem Brandereignis seine Produktionsstätte und damit seine Wertschöpfungsbasis. In der Folge ging es insolvent.

 

Bei beiden Fällen wurden alle Vorschriften eingehalten. Aber die Schadensfolgen erwiesen sich im zweiten Fall als desaströs.

 

Das Beispiel zeigt, dass das Konzept «Sicherheit» ein komplexes ist und nicht automatisch auf jeden Einzelfall passt. Die Einhaltung von einschlägigen Vorschriften bedeutet nicht automatisch, dass die Schutzbedürfnisse der Gebäudeeigentümer und -nutzer erfüllt werden. 

 

Deshalb lohnt ein Perspektivwechsel. 

 

Mit dem Konzept der integralen Sicherheit gibt es einen Ansatz, mit dem sicherheitsrelevante Fragestellungen situationsgerecht und gleichzeitig angemessen bearbeitet werden können. Dieser Ansatz geht über die reine Prüfung von Vorschriften hinaus. Sie bezieht die individuellen Schutzinteressen einer Organisation mit ein, etwa den Schutz von Sachwerten, die Aufrechterhaltung des Betriebs oder mögliche Auswirkungen auf Umwelt und Dritte. Dabei werden unterschiedliche Sicherheitsdisziplinen zusammengeführt und Risiken im jeweiligen Unternehmenskontext beurteilt.

 

Integrale Sicherheit bildet sämtliche fachlichen Sicherheitsthemen ab und sorgt dafür, dass kein Thema «vergessen» geht. Sie schafft darüber hinaus auf strategischer Ebene gesamtheitliche Entscheidungsgrundlagen. Das Ergebnis ist ein bedarfsgerechtes Sicherheitsniveau, welches die spezifischen Gegebenheiten eines Unternehmens spezifisch berücksichtigt.

 

Oft braucht es dafür keine aufwendigen Analysen: Bereits mit gezielten zusätzlichen Fragestellungen und einem entsprechenden Blickwinkel lässt sich die klassische Sicherheitsbeurteilung entscheidend ergänzen. 

 

  • Kennen wir die Gefährdungsgrade unserer Gebäude auch im Bezug auf individuelle Schutzinteressen?
  • Welche Rolle spielen die gefährdeten Gebäude im Rahmen unserer Wertschöpfung?
  • Sind dort spezifische Schutzmechanismen implementiert und wie wirksam sind diese?

 

Sicherheit ist Pflicht. Integrale Sicherheit ist Kür. Bestnoten braucht es in beiden Programmen. Der «kreative» Teil gibt einer Organisation den Spielraum, die für sie spezifischen Sicherheitsniveaus in allen Risikobereichen zu einem schlüssigen Ganzen zu verknüpfen und dabei das Sicherheitsniveau bei gleichen oder besseren Kosten bedarfsgerecht zu erhöhen.

 


 

Über den Autor:

 

Dr. Gianluca De Sanctis (zum LinkedIn-Profil) ist Bauingenieur und leitet das Team Sicherheitsberatung bei Basler & Hofmann. Er engagiert sich ehrenamtlich als Präsident von SFPE Switzerland, dem schweizerischen Chapter der Society of Fire Protection Engineers (SFPE), der weltweit bedeutendsten Berufsvereinigung von Brandschutzingenieuren.

 

Der Autor ist Sprecher am Stratus Convent 2026 am Donnerstag, den 29. Oktober 2026 von 13 bis 17 Uhr in Zürich

 

Die Teilnahme ist kostenlos. Die Plätze sind limitiert.

 

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